Diese Geschichte ist reine Fiktion. Alle Namen und Ereignisse sind frei erfunden. Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt. Die Fakten sind jedoch real. Das Tauen des Permafrostbodens ist für die Menschen in der Region Mohe eine reale Bedrohung, die ihre Häuser und Existenzen gefährdet. Die Erzählform soll die Probleme der Einheimischen greifbar machen.

Unter den Geländereifen meines Mountainbikes knirschen die Steine. In der Ferne sieht man die Gipfel des Großen Hinggan-Gebirges aus dem Dunst aufragen. Ich bin in Mohe, der nördlichsten Region Chinas. Mein Weg hat mich in den letzten Tagen durch immer unwegsameres Gelände an den Ufern des Heilong Jiang geführt, nun stehe ich an einem Aussichtspunkt über dem Fluss und genieße die Sicht auf ein grünes Tal, in dem Blaubeerfelder von Bauern bearbeitet werden und sich eine kleine Stadt an die Uferlinie des Flusses schmiegt. Ich will meine Wasserflaschen auffüllen und kurz Pause machen.

In den letzten Jahren seien mehr Menschen in die Stadt gekommen, sagt mir eine ältere Frau auf der Straße. Sie hofften hier Arbeit auf den umliegenden Plantagen zu finden. Ich suche einen Brunnen, die Fahrt bis Paiwodao war anstrengend. Das Licht bricht sich im Staub, der von den Menschen in den kleinen Gassen aufgewirbelt wird. Ich werde von den Sonnenstrahlen geblendet und kann für einen Moment nichts sehen. Als ich meinen Kopf von der Sonne abwende, sehe ich ein Haus. Es steht schief, die linke Hälfte steht sicher einen Meter tiefer als die rechte Hälfte. Ein alter Mann sitzt vor dem Haus und raucht eine Zigarette, deren Rauch sich mit dem Staub in den Straßen mischt und verschwindet. Ich frage ihn, ob ich mich setzen darf, er bejaht. Auf meine Frage nach der Schieflage seines Hauses zeigt er mir ein fast zahnloses Lächeln und hustet kurz. „Der Boden“, sagt er, „gibt nach. Die Häuser auf ihm sterben.“

Es ist das erste Mal, dass ich die Auswirkungen des auftauenden Permafrostbodens sehe und begreifen kann. Auch wenn hier in der Gegend viel gemessen und geforscht wird, die Einwohner der Stadt merken kaum etwas davon. Während ich durch die Gassen streife, fallen mir immer wieder Häuser auf, die sich in alle Himmelsrichtungen neigen. Mir tropft Schweiß von der Stirn, weil es so heiß ist. Im Hochsommer können die Temperaturen in dieser Region auf bis zu 30°C steigen. Verglichen mit den kalten Wintern, in denen die Temperaturen auf bis zu 40° unter Null fallen können. Außerdem verzeichnet die Mohe Region einen durchschnittlichen Temperaturanstieg von 0,34°C pro Dekade. Wenn es so weitergeht, denke ich mir, wird das Zwei-Grad-Ziel deutlich verfehlt. Nicht auszudenken, was das für die Menschen hier bedeuten könnte.

Die Hitze drückt nahezu unerträglich und mein Chinesisch reicht kaum aus, um nach dem Weg zu einem Brunnen zu fragen. Der Dialekt ist, nett ausdrückt, interessant, was mit Sicherheit an der geographischen Nähe zu Russland liegt. Man muss nur einmal mit der Fähre über den Heilong Jiang fahren und steht auf russischem Boden. Nach einigem Suchen stehe ich vor einem kleinen Brunnen und versuche verzweifelt ein paar Tropfen Wasser an die Erdoberfläche zu fördern. Doch alles, was in meiner Flasche landet, ist Staub. Auch das ist irgendwie logisch. Wenn das Eis im Boden taut, sickert das Wasser durch die Gestein- und Geröllschichten nach unten. Das senkt den Grundwasserspiegel und so ist dieser Brunnen vermutlich nicht der einzige ohne Wasser.

In einem kleinen Laden am Straßenrand verkauft ein junger Chinese Wasser, Bier und Blaubeeren. Letztere sind das Hauptexportgut dieser Region. Ich bestelle die ganze Karte und frage ihn, wie es den Bauern mit den Permafrostböden geht. Er denkt kurz nach, nimmt einen Schluck aus seiner Wasserflasche und empfiehlt mir, direkt auf den Feldern außerhalb der Stadt zu fragen. Der Weg ist nicht weit und so beschließe ich, den Weg auf die Felder zu Fuß zu bewältigen. Eine halbe Stunde später bereue ich diese Entscheidung. Mein Shirt klebt an meinem Körper, meine Hose könnte ich auswringen. Immerhin habe ich die Blaubeerfelder erreicht, auf denen sich einige Bauern an den Sträuchern zu schaffen machen. Hier scheint es keine Probleme mit dem Permafrostboden zu geben.

Ein Mann mit faltiger Haut, kräftigen Armen und Bayern-München-Kappe kreuzt meinen Weg. Er scheint diese Arbeit nicht erst seit gestern zu machen. Da mir das chinesische Wort für Permafrost partout nicht einfallen will, frage ich den Mann nach Eis im Boden. Er schaut mich kurz an, schüttelt den Kopf und macht dort weiter, wo er aufgehört hat. Auch drei weitere Blaubeerbauern scheint das Thema Permafrost unter dem Feld nicht weiter zu interessieren. Das könnte auch daran liegen, dass die Auswirkungen des tauenden Bodens auf Blaubeeren noch nicht erforscht sind.

Ich schnalle meine Satteltasche auf den Gepäckträger. Dafür, dass ich nur kurz Pause machen wollte, habe ich viel über diesen Ort erfahren. Ich steige auf mein Rad, trete in die Pedale und fahre weiter auf der staubigen Straße.